Hirnverletzung und mein anderer Weg
Glück gehabt
Glück hatte ich, dass ich nach meinem Hirnschlag mit einseitiger vollständiger Lähmung nicht mehr doppelt sehe, wieder reden kann, erneut langsam gehen kann, Brot und Käse wieder selbst abschneiden und auch das Glas selbst in der Hand halten kann. Denken kann ich einigermassen, zwar nur langsam, nur kurz und nur einfache Sachen.
Aus der Höhenklinik entlassen, hielt ich mich noch einen Monat still zu Hause und dann hätte es, wie vom Arzt vorausgesagt, so wie früher gehen sollen. Seit dem Hirnschlag bis zum Klinikaustritt ging es mir gut. Ich war den ganzen Tag beschäftigt, das Pflegepersonal war zur Stelle, ich hatte meine Ruhe, ich war in der Rehabilitation, ich war in der Klinik. Das ist eine gesellschaftlich anerkannte Abwesenheit. Alle Menschen waren nett oder desinteressiert oder rücksichtsvoll zu mir.
Nach dem Klinikaufenthalt und einem Monat Ruhe wurde ich von der Realität vollständig überfahren. Nichts mehr von lieb und rücksichtsvoll. Volle Pulle draufhauen, entweder konform oder abschreiben. Das war brutal und voll Scheisse. Ich wollte nicht jedem erklären, was ich habe. Auf die Frage «Warum humpelst du» habe ich geantwortet «Das ist wegen des Hirnschlags». Okay, aber den hattest du doch vor drei Monaten, ist das bis jetzt nicht gut. Man sieht nichts, du hast doch nichts, du tust doch nur so. Soll ich diesem Menschen jetzt alles erklären oder soll ich ihn stehen lassen oder soll ich ihn auf den Mond schiessen oder soll ich zügeln?
Wenn ich ein Tier wäre, würde ich gefressen, das Problem wäre erledigt. Ich bin ein Mensch und wir Menschen haben uns entschieden, uns nicht zu fressen. Wir Menschen haben entschieden, dass wir Menschen in Not helfen.
Ich habe den Eindruck, dass jeder Mensch meint, zu wissen, was Hilfe in der Not ist und erst dann Hilfe in der Not leistet, wenn er selbst schon einmal in Not war.
Ich habe den Eindruck, dass Menschen, die noch nie in Not waren, nicht über Hilfe in der Not entscheiden dürften.
Und so hat die Geschichte angefangen …
