Hirnverletzung und mein anderer Weg
So kam ich zu Daniela
Höhenklinik. Physik okay, sie sind gesund und können nach Hause. Alle lebensnotwendigen physikalischen Funktionen waren so weit rehabilitiert, sodass ich mich selbst anziehen und waschen konnte. Schuhe anziehen, in die man schlüpfen kann und nicht binden muss, ging. Mit Tricks konnte ich selbst essen. Das Essen am Frühstücksbuffet selbst zu holen, erforderte den Einsatz der Putzequipe. Die Koordination zwischen «zu Fuss gehen» und «Essen tragen» klappte nicht. Das kann ich wieder lernen, wenn ich lange genug übe, denke ich. Treppen steigen muss ich auch noch üben und lernen.
Damit mein Hirn mitbekommt, dass ich an der rechten Hand Finger habe, die ich gerne wieder bewegen möchte, habe ich gelernt, wie man das dem Hirn beibringt. Das ging so, dass ich an der guten Hand ausprobierte, wie weit ich z. B. den Mittelfinger ohne Schmerzen bewegen kann. Mit der guten Hand habe ich dann den Mittelfinger an der gelähmten Hand bewegt und so dem Hirn gewissermassen rückwärts gemeldet, dass da noch ein Finger sei, den ich gerne benutzen möchte. O Freude, nach einigen Tagen konnte ich meine Finger einen Millimeter selbst bewegen. Heute kann ich mit einem ergonomischen Brotmesser selbst Brot abschneiden.
Die Leistungsfähigkeit für eine Dauerbelastung war miserabel und wurde nicht gemessen. Das sieht man nicht und daran denkt man nicht. Das spürt man schlagartig, wenn es schon fast zu spät ist. Was alles auf mich zukam, verkraftete ich fast nicht. Der Neuroarzt sagte: «In zwei Wochen ist es wieder wie früher». Schade, gut gemeinter motivierender Spruch, leider traf er nicht zu. Der Arzt meinte später: «Das war wohl ein ausgewachsener Hirnschlag».
Die Therapien brachten keine Verbesserung mehr. Alle waren ratlos, und ich hatte dauernde Beschwerden und war am Ende. Meine frühere Ergotherapeutin stellte keine Fortschritte mehr fest und meinte: «Das braucht jemand mit einem anderen Ansatz.» Ich habe eine Berufskollegin mit Erfahrung in der Neurorehabilitation, versuchen sie es dort.» so kam ich kurz vor der Verzweiflung zu Daniela.
Was erwarten sie von mir, war ihre Frage. Diese Frau hat vielleicht Nerven. Ich bin am Anschlag, mir tut alles weh, und sie fragt, was ich von ihr erwarte. Sie müsste doch wissen, was ich wolle, dachte ich. Ich war bei verschiedenen Ergo- und Physiotherapeutinnen und alle haben mich weiter geschickt. Jetzt bin ich hier bei meiner letzten Hoffnung und diese Frau weiss nicht, was ich benötige. Das kann doch nicht sein!
Daniela hat mich gefragt, ob ich lieber weisses oder kariertes Papier vorziehe, sie wolle mir ein Blatt Papier geben. Schon wieder eine Frage, die ich nicht einordnen kann. Ich war müde nachzudenken und habe mich für weisses Papier entschieden. Meine neue Therapeutin, mit mehrjähriger Erfahrung in der Neurorehabilitation, hat mich aufgefordert, alles, was mich beschäftigt, in Stichworten aufzuschreiben. Okay, dachte ich, die Frau wird staunen.
Vergessen Sie es! Als ich das erste Blatt vollgeschrieben hatte, meinte sie ruhig und freundlich: «Ich habe noch Blätter.» Nach einem weiteren halben Blatt hörte ich auf zu schreiben. Sie las die beiden Seiten aufmerksam durch und dann ging es los:
Daniela: «Was beschäftigt sie am meisten davon?»
James:
«Ich weiss es nicht.»
Daniela: «Dann studieren sie
noch ein wenig.»
James: «Dieser Punkt da.»
Daniela:
«Erzählen sie mir, worum es ihnen bei diesem Punkt geht.»
James:
Ich erzählte und Daniela hörte aufmerksam zu.
Daniela:
«Wie würden sie es lösen?»
James: «Keine Ahnung.»
Daniela: «Dann studieren sie noch ein wenig.»
James:
«Ich würde es so und so lösen.»
Daniela: «Warum tun
sie es nicht?»
James: «Wissen sie, das ist so»
…
Mit dieser stoischen Ruhe ging es weiter und ich bin überwältigt und fasziniert, wie Daniela mich nicht aussteigen liess und was sie in mir gestartet und aus mir herausgeholt hat.
Das Resultat der ersten Sitzung führte zu folgender Ausgangslage:
Hypothese: Der Hirnschlag hat die Energieressourcen stark reduziert. Extreme Überlast im Denkapparat.
Lösungsweg: Reduktion des Energieverbrauchs. Eliminieren der Energiefresser. Neue Struktur finden. Reduktion der Geschwindigkeit.
Das habe «ICH» auch gesagt
Ja, das stimmt, das haben mir andere auch gesagt, dass ich zu mir schauen soll. Erklärt und gezeigt, wie das geht, «chasch dänke». Wie soll man wissen, wie man Kräfte spart, wenn man nicht weiss, welche Kräfte man hat und welche man nicht mehr hat. Wie soll man wissen, wie man Kräfte spart, wenn man nicht weiss, wozu man seine Kräfte nicht einsetzen sollte?
Es stellt von selbst ab, wenn es nicht mehr geht, das habe ich schmerzlich erfahren. Die Gegenmassnahmen im Alleingang empirisch zu erlernen, hätte ich nicht überlebt. Ich erinnere mich an Diskussionen über Theorie und Praxis. Beispiel Fussball: In der Schweiz gibt es etwa fünf Millionen Fussballexperten und jeder meint zu wissen, wie Tore schiessen geht. Zeigen, wie? Wohl kaum. Worum geht es? Im Verlauf des Coachings bei Daniela habe ich den Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung gelernt und verstanden.
Fussballer
Wissen, Verstand: Gelerntes Wissen, gelesen, gehört, gesehen.
Erfahrung, Gefühl (Emotion): Geübt, trainiert, gefühlt,
gerochen, gespürt, gemacht.
Theoretiker: Kann kein Tor
schiessen und weiss genau wie es geht.
Neuling: Er
kann kein Tor schiessen und weiss nicht, wie es geht.
Praktiker:
Kann ein Tor schiessen und kann es nicht erklären.
Spezialist:
Kann ein Tor schiessen und kann es erklären.
Im übertragenen Sinn hat Daniela schon selbst Tore geschossen und ist gut ausgebildet. Ich fühle das so, darum passt es mir gut bei ihr in den Sitzungen. Zu wem man Vertrauen hat, muss man selbst entscheiden, das ist eine Gefühlssache.
Bei Daniela stimmt mein Gefühl, ich fühle mich gut.
Die Methode
Die Methode stelle ich mir im Vergleich zum Velofahren so vor:
Ausgangslage: Ich bin mit dem Velo unterwegs von Airolo via Tremola zum Gotthardpass. Ich bin am Anschlag und komme kaum voran.
Die Therapeutin schaut mir zu und sagt mir, wie schnell ich in die Pedale trete und gibt mir einen Tipp, wenn eine scharfe Kurve kommt, und zeigt mir im Spiegel, dass ich schwere Steine auf dem Gepäckträger habe. Sie lernt mich langsamer in die Pedale zu treten, damit ich nicht ausser Atem komme. Lernt mich, Kurven zu erkennen und richtig zu fahren, damit ich nicht auf die Nase falle. Auch Steine abladen.
Sie schiebt mich nicht, repariert mein Velo nicht, nimmt keine Steine aus meinem Rucksack. Sie hat Geduld, meckert nicht, demoralisiert mich nicht, bewertet mich nicht. Mut macht Sie mir und ist da, es funktioniert, ich lerne. Das ist ein gutes Gefühl. Was heisst das?
Im Gespräch erarbeite ich meine eigenen Lösungsansätze, lerne Entscheidungen zu evaluieren und sie schrittweise umzusetzen. Lerne, die angenehme Wirkung zu fühlen, sobald ich eine Last selbst abgeworfen habe. Meine Energie selbst effizient einzusetzen. Mit jeder Übung steigt die Lebensfreude.
Merke: Darüber reden bringt Lösungsansätze, sonst nichts. Die Lösung umsetzen und üben gibt Erfahrung und gute Gefühle.
Wenn es eine selbst erarbeitete Lösung ist, ist das Gefühl eindrücklich und die Freude gross. Davon will man mehr und sucht von sich aus unaufgefordert und mit Freude Lösungen und setzt sie um.
- Beziehen sie Rat in ihre Entscheidungsfindung ein, wenn sie um diesen Rat gefragt haben.
- Lassen Sie sich nicht durch Ratgeber irritieren, wenn Sie nicht um Rat gefragt haben.
- Setze selbst um, lassen sie das nicht andere machen.
- Geben Sie keinen Rat, wenn sie nicht um Rat gefragt werden.
Es ist anstrengend, es ist nicht mühsam, es ist ein schönes Gefühl, langsam besser zu werden. Der Begriff «Gefühl (Emotion)» erinnert mich an die alpine Abfahrt, als mir am Start schwarz wurde vor den Augen und ich trotzdem oder dank des Aussetzers mit durchschnittlich 97 km/h heruntergefahren bin, vierter und damit bester Unterländer wurde. Oder der Aufstieg vom Konkordiaplatz zur Lötschenlücke in die Hollandiahütte, oder von der Konkordiahütte über die Grünhornlücke über den Gletscher neben dem Finsteraarhorn zur Oberaarjochhütte bei dickem Nebel in der Nacht über einen offenen Gletscher.
Das sind Gefühle: Kälte, Finsternis, fehlende Sicht wegen des Nebels, Angst in eine Gletscherspalte zu fallen, beissender Wind, salzige Schweisstropfen in den Augen. Diese Gefühle kann man nicht erklären. Wer das noch nie erlebt hat, kann das Gefühl nicht nachvollziehen. Auch dann nicht, wenn ich es hundertmal erzähle.
Meine eindrücklichsten Erfahrungen und Gefühle habe ich bei folgenden Reisen und Projekten erfahren und erlebt: die Skiwoche in Chamonix, die Klettertour auf das Zinalrothorn, das Kletterlager im Wallis und im Bündnerland. Eine Woche in der selbst gebauten Schneehöhle oberhalb Oberalppass bei minus 25 Grad. Meine schönste Velotour: via Basel – Toggenburg – Prätigau – Flüela – Pontresina – Julier – Via Mala – San Bernardino – Arbedo - Minusio - Maggiatal – Ascona - Locarno - Gambarogno - Luino - Ponte Tresa - Agno - Monteceneri – Tenero - Avegno - Piccolo Paradiso - Bellinzona - Biasca - Airolo – Gotthard – Andermatt – Göschenen – Susten – nach Hause. Der 100-km-Lauf von Biel. Das Segelfluglager in den Dolomiten. Die Auslandseinsätze in Mauritius, Al-Ain im Emirat Abu Dhabi und in Fuhais in Jordanien. Die Reise nach Malaysia, Thailand, Hongkong und Philippinen. Das alles geht nicht mehr in diesem Takt. Dafür gibt es neue Möglichkeiten, die vor meinem Hirnschlag nicht sichtbar waren. Zeit und Musse.
Zurück zum Thema. Wie war das genau mit der Methode? Ohne Nachteil über alles reden zu dürfen, «es hat mich am Anfang geschaudert», lerne ich meine Ressourcen zu verwalten. Die Gefühle auf eigene und fremde Reaktionen sind manchmal speziell, hart, traurig, mutig, schön, unvorstellbar, erhebend, glücklich. Das geht nicht im Alleingang. Daniela ist für mich ein Geländer. Ein Geländer macht nichts und ist trotzdem wichtig. Ein Geländer sei nicht wichtig! Sind sie sicher?
Fall 1: Stellen sie sich vor, dass sie über eine schmale, schwankende Hängebrücke gehen, 100 m über einer Schlucht, unten ein tosender Fluss.
Fall 2: Stellen Sie sich Fall 1 vor, ohne Geländer.
Begriffen?
