Hirnverletzung und mein anderer Weg
«WAHNSINNIGE» Gefühle
Monate nach meinem Hirnschlag bin ich mit dem Gefühl aufgewacht, «Das musst Du aufschreiben».
Unvorstellbar, was man erlebt, wenn man einen Hirnschlag erlitten hat. Wenn die Steuerung nicht mehr richtig tickt und der Denkapparat, mit dem man den Weg aus der Gefühlslawine finden will, nur noch auf kleiner Flamme funktioniert, wenn man Zusammenhänge nicht mehr erkennt. Wie, wenn man mit einem kaputten Werkzeug das kaputte Werkzeug reparieren will. Im wahrsten Sinne «WAHNSINNIGE» Gefühle.
Eindrücklich, wie viele Personen im Gesundheitswesen tätig sind und täglich mit Herzblut an der Arbeit wirken, wie ich das bei «meinen» Computeranlagen war, bevor meinem Hirn für ein paar Stunden der Sauerstoff ausging.
Die Geschichte seit dem Insult: Gewaltige Gefühlslawinen; die grossen Schwankungen; das grenzenlose Unwohlsein; die permanenten Schmerzen; die enorme Kraftlosigkeit; die schwachen Nerven; die Anforderungen im eigenen Geschäft; die finanzielle Notlage; die Geldgier der «Partner»; die Schadenfreudigen; die Besser wissenden; die restlos und komplett verlorene Lebensfreude und weiss der Kuckuck noch alles, seit ich denken kann.
Die Geschichte drohte mir, mich zu vernichten. Das habe ich nie erwartet. Es war unvorstellbar, schmerzhaft und hoffnungslos. Es ist mir kein äquivalentes Gefühl bekannt. Grausamer als in den Badehosen und Zahnschmerzen auf dem Zinalrothorn ohne Zahnarzt plus Grippe, Beinbruch, Hunger und Durst. Es denkt nicht mehr, es ist nur noch leer und schwarz.
Es ist wie in einem dunklen Raum mit unendlich dicken Wänden ohne Türen. Man denkt nicht mehr, was man tun könnte, man ist zweifellos sicher, dass es keinen Weg mehr gibt. Das allerletzte Fünklein Hoffnung ist erloschen. Wie einen Millimeter vor dem Tod. Bewusstes Denken ausser Betrieb. Das Unterbewusstsein macht unbeeindruckt das, was es gelernt hat. Es ist mein Unterbewusstsein, darum macht es, was ich will, ohne mich zu fragen. Zum Glück. Das Notprogramm läuft weiter, auch wenn man nicht mehr dabei ist.
Wenn der bewusste Denkapparat wieder aufwacht, ist es komisch und schmerzhaft und einem alles scheissegal. Erst wenn man die Wiederanlaufphase durchlaufen hat, kommt man auf die Idee, dass stetig weitermachen die Überlebenschancen verbessert. Das hätte ich ohne Daniela nicht geschafft. Ich wünsche allen Leuten in ähnlicher Lage genügend Geduld und Energie und das nötige Quäntchen Glück, die richtige Unterstützung zu erhalten.
