Hans Wittwer

Geschichten, die das Leben schrieb

Hirnverletzung und mein anderer Weg

Haltung und Gefühl

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Was ist Haltung?

Haltung ist aufrecht und gerade stehen. Haltung ist, wie man sich aufführt. Auftreten. Benehmen. Betragen. Habitus. Anstand. Erziehung. Etikette. Kinderstube. Einstellung. Leitgedanken.

Meine Haltung

Was ist Gefühl (Emotion, Beweggrund)?

Ein Gefühl ist eine Geschichte, die wir erleben, zusammen mit unserer Beurteilung der erlebten Geschichte. Wenn wir etwas erleben, nehmen wir das mit unseren Sinnen (Wahrnehmungen): «hören» «sehen», «riechen» «fühlen» und «tasten» wahr. Jede Wahrnehmung stempeln wir mit «Angst» «Ärger» «Komik» «Ironie» «Eifersucht» «Furcht» «Freude» oder «Liebe». Alle Emotionen zusammen bilden unseren Erfahrungsschatz. Ein Grund mehr, Geschichten zu erleben. Wenn eine Emotion eine Kombination von Sinnen (Wahrnehmungen) ist und wir angenommen 100 feine Abstufungen je Sinn wahrnehmen könnten, gäbe das 1005 Kombinationen, das sind 100 × 100 × 100 × 100 × 100 = 10‘000‘000‘000 = 10 Milliarden Kombinationen. Wir könnten 10 Milliarden verschiedene Emotionen voneinander unterscheiden. Wahrscheinlich sind es noch viel mehr und jeder Mensch stempelt seine Emotionskombinationen anders.

Sie stehen im Regen und erkälten sich. Das finden sie nicht gut und stempeln «Angst, ich werde krank» auf das Gefühl «regennass». Wenn sie die Haltung haben «ich trage Sorge zu mir», spannen sie in Zukunft automatisch den Schirm auf, wenn es regnet. Sie tragen Sorge zu sich, sie sind sich selbst wertvoll. Wenn sie die Haltung «mir doch egal» haben, spannen sie den Schirm nicht auf. Möglich ist auch, dass sie noch nie Regen erlebt haben, dann kennen sie das Gefühl von «regennass und krank werden» bis jetzt nicht und spannen den Schirm ebenfalls nicht auf.

Damit ein Kind lernt, den Schirm selbstständig aufzuspannen, muss es die Emotion «regennass» mit «Angst, ich werde krank» verbinden und die Haltung haben «ich trage Sorge zu mir». Wahrscheinlich verbindet das Kind «regennass» mit «Freude, spielen mit Wasser», es spannt den Schirm nicht auf. Erst wenn es die Erfahrung macht zu frieren, könnte es in Zukunft den Schirm von sich aus aufspannen. Das Kind lernt, wenn es die Chance hat, Geschichten zu erleben.

Wenn ein Mensch die Haltung hat, Sorge zu tragen, wird er bei jeder Geschichte, die er kennt, sorgfältig bei der Auswahl seiner Aktion sein.

Jedes Mal, wenn wir dem Kind die Chance nehmen, eine neue Geschichte zu erleben, hindern wir es daran, für sich selbst entscheiden zu können.

Jedes Mal, wenn wir das Kind zurechtweisen, weil es den Regenschutz nicht anzieht, versteht es uns nicht, weil es die Emotion «regennass» = «Angst, ich friere» nicht kennt, weil wir es daran gehindert haben, diese Erfahrung selbst zu machen. Lassen sie ihr Kind in den Regen hinaus, damit es erfährt, wie sich «regennass» anfühlt und wie unangenehm es ist, wenn man nasse Kleider hat und friert.

Wie sieht die Sache aus, wenn wir von einem Menschen eine «falsche» Meinung hören? Eine Meinung ist aus unserer Sicht dann falsch, wenn sie nicht unsere Meinung ist. «Geht das so?» Wie sieht es für den anderen Menschen aus? Möglicherweise ist aus seiner Sicht seine Meinung richtig und unsere Meinung falsch. «Was jetzt?»

Wenn sie die Haltung haben «ich bin besser als alle anderen», drücken sie die Emotion «andere Meinung» = «Ärger, falsche Meinung» auf, das führt zu Streit. Wenn sie die Haltung haben «ich respektiere Mitmenschen», drücken sie der Emotion «andere Meinung» eventuell den Stempel «Freude, der andere vertritt seine Meinung» auf, das führt zu einem respektvollen Meinungsaustausch.

Wie die Haltung wirkt, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich während der Zeit bei Daniela entdeckt habe. Haltung muss man üben. Damit man üben kann, muss man Geschichten erleben.

Jetzt wird es spannend: Wenn ich eine vorteilhafte Haltung habe, habe ich vorteilhafte Stempel auf meinen Emotionen, ich kann respektvoll diskutieren, Mitmenschen nehmen teil, machen gerne mit, ich verbrauche weniger Energie, neu Emotionen werden noch vorteilhafter, es dreht bei jedem Umgang besser, es hört nicht auf, es ist unbeschreiblich.

Bis vor drei Jahren drehte es sich bei mir in umgekehrter Richtung. Ich meinte, alles wissen zu müssen, sonst sei ich ein Versager. Ich habe mich pausenlos geärgert. Ich habe mich selbst ausgebremst.

Ich habe jahrzehntelang, jedes Mal, wenn ich einen Fehler machte, mir mit schmerzvollen Gedanken mein Hirn zermartert und Lösungen gesucht, wie ich Fehler vermeiden kann. Ich habe mich wahnsinnig geärgert und geglaubt, ich sei unfähig. Selbst habe ich nicht gemerkt, dass dieser Weg nicht funktioniert. In diesem Kontext reagiert man genauso genervt, wenn andere scheinbar einen Fehler machen. Diese Spirale umzudrehen ist anspruchsvoll, wie Ski fahren lernen.

Heute weiss ich, dass man nur lernt, wenn man Fehler macht. Leute zusammenstauchen, die Fehler machen, ist wie den Motor abwürgen. Keine Fehler machen geht gar nicht. Erschreckend, wie viele Leute das nicht wissen und andere tagtäglich zur Sau machen. Das tut weh. Helfen Sie, Fehler machen zu dürfen.

«Wollen Sie es auch versuchen?» Es ist eine Frage der Haltung. Wenn Haltung die Kletterausrüstung ist, besteigt man jeden Berg. Wenn die Kletterausrüstung fehlt, stürzt man ab.

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