Hans Wittwer

Geschichten, die das Leben schrieb

Hirnverletzung und mein anderer Weg

Modellflug

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Segelfliegen in den Dolomiten. Zehn Monate nach meinem Hirninfarkt traute ich mich, eine Woche mit meinen Fliegerfreunden ins Segelfluglager in den Dolomiten mitzufahren. Mit meiner Atemmaschine auf 2‘400 Meter über Meer ging es mir gut. Ich genoss die Sonne und die frische Luft. Toni, der mich schon zur Airshow mitgenommen hatte, kümmerte sich darum, dass ich mitfahren konnte. Ein Flugzeug habe ich nicht mitgenommen, weil ich nicht mehr gleichzeitig stehen und in den Himmel hinauf schauen und an den Steuerknüppeln hantieren kann. Alles zusammen ist zu viel für mein Hirn. Ich habe, soweit ich konnte, kleine Wanderungen in Rufnähe der Hütte oder der Piloten gemacht.

Ende Juni fuhr ich mit der Nationalmannschaft der Segelflieger der Kategorie F3B in die Lausitz ins Trainingslager. Das war eine schöne Zeit. Im darauffolgenden August fuhr ich an die Weltmeisterschaft. Diese zehn Tage im August waren so spannend, dass ich vergass, was ich hatte. Mit Daueradrenalinschub schrieb ich jeden Tag über die Resultate unserer drei Piloten an der Weltmeisterschaft. Unsere Gastgeberin hat mir den Braunkohletagebau Welzow gezeigt. Als Archäologin und ehemalige Mitarbeiterin beim Tagebau wusste sie Bescheid und kannte die Anlagen. Hochinteressant, was in der Lausitz alles passiert. Unsere Unterkunft ist ein sorbischer Vierseiten-Bauernhof mit vier thematisch eingerichteten Schlafgemächern. Ich schlief in der Goldgrube. Zur Schlussveranstaltung zeigte uns der Organisator Elbflorenz, Dresden, die Sachsenhauptstadt. Eindrücklich, Dresden ist mehrere Reisen wert. Besonders aufgefallen ist mir die Gastfreundlichkeit. Die Leute in der Lausitz sind hilfsbereit und gehen rücksichtsvoll und ruhig miteinander und mit uns um. Wir wollten unsere grossen Batterien über die Nacht einschliessen. Doris fragte uns, warum wir diese Batterien einschliessen wollen? «Damit sie niemand stiehlt.» «Bei uns stiehlt niemand.»

Ein Jahr später fuhr ich nochmals mit zu Doris und auf den Flugplatz. Jedes Jahr findet auf dem lokalen Flugplatz ein Weltcup statt. In diesem Jahr zeigte mir Doris den Leuchtturm am naheliegenden See und Bautzen, die Kreisstadt des Landkreises Bautzen. Auf eigene Faust habe ich die Förderbrücke F60 und die Brikettfabrik besucht. Im lokalen Restaurant wurden wir köstlich verpflegt. Am Abend durften wir die Spiele der WM im eigens für den Anlass eingerichteten Heimkino in der zur Werkstatt entfremdeten Kegelbahn anschauen. Das Lausitzer Seenland ist nach dem Kohleabbau im Wiederaufbau. Eindrücklich, wie aus kilometerlangen Kohlegruben über viele Jahre sukzessive schöne Seen entstehen. Geisterhaft leer sind die Strände im Vergleich zu unseren Seen. Einerseits weil die Ufer erst schrittweise besiedelt werden und andererseits weil schon Ufer abgesoffen sind, weil sich bis jetzt nicht alle Uferböschungen der Bergbaugruben stillhalten. Aufgrund des Lohnniveaus wäre es interessant, dort Arbeitsplätze zu schaffen. Aufgrund der Steuer eher nicht. Ich denke, dass sich darum die neue Industrie nur zögernd ansiedelt. In einem Industriemuseum wollte ich eine Führung buchen für 20 €. Die Frau am Empfang meinte, das sei viel zu teuer, überall seien Tafeln, ich soll doch darauf lesen. «Wollen Sie mir nichts verkaufen?» habe ich gefragt. «Wissen Sie, ich lasse mich nicht zur Kapitalistin umprogrammieren, das können die mit mir nicht machen.» Die Geschichten mit den Plattenbauten und den Wohnkomplexen sind eindrücklich. Wegen des Bergbaus explodierte die Bevölkerungszahl in der Stadt in wenigen Jahren von 18000 auf über 70000. Nach der Wende wendete es und jetzt wohnen noch etwa 32000 Menschen in der Stadt. Braunkohle und Wende sind Eingriffe in die Menschheit wie ein Hirnschlag, alles ist nachher anders. Ich habe mich für Land und Leute interessiert und habe einen neuen Blick in die ehemalige DDR erhalten. Das Regime hat die Menschen gedrückt, der Druck hat sie zusammengeschweisst. Die Leute sind freundlich und rücksichtsvoll. Wenn ich meine Lausitz Erlebnisse mit dem vergleiche, was bei uns über die DDR erzählt wird, werde ich stutzig.

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