Hirnverletzung und mein anderer Weg
Abstuz
Seit letztem Februar habe ich Gefühle in verschiedenen Intensitätsstufen erlebt. Ich war himmelhochjauchzend am Schwärmen über die Erfolge dank dir und manchmal war ich zu Tode betrübt am Zweifeln, ob das alles zum Erfolg führt und Sinn stiftet. Von Tag zu Tag habe ich meine Strategie verbessert und mich von Gefühlstiefflügen sicherer und rascher aufgefangen. Es passierten mir Tiefflüge, gefährlich in Bodennähe. Ich änderte mein Verhalten. Auf die Reaktionen der Umwelt hast du mich vorbereitet. Mit meinen Reaktionen auf die Reaktionen der Umwelt habe ich nicht gerechnet. Es ist wie Abfahrt trainieren. Als ich meinen ersten Sprung der Abfahrt an der alpinen Meisterschaft studierte und den Vorspringpunkt definiert und die Richtung und mögliche Landung studiert hatte, meinte ich alles getan zu haben. Bei der Anfahrt auf den Sprung, während dem Rennen mit 120 km/h, pfiff mir der Wind dermassen um die Ohren, dass ich die guten Vorsätze nicht mehr zur rechten Zeit präsent hatte und alles intuitiv, mit Antizipation trotzdem noch halbwegs hinbekam, ohne in die nächste Tanne zu segeln. Es war geil so schnell über die Pisten zu rasen, wir haben es wieder getan.
Seit Februar habe ich ähnliche Situationen erlebt. Ausser mit dir, kann ich mit niemandem über das, durch meine Verhaltensänderung erlebte, reden. Ich habe es versucht und es versteht mich niemand. Eine Bekannte hat einen Mann mit einem Hirntrauma. Sie hat mich gefragt, wie ich mich verändert habe. Ich wusste keine Antwort darauf. Ich denke, dass ich mich als Mensch nicht verändert habe. Ich habe zwei Beine, das eine Bein zwar bis zu einem gewissen Grad lädiert und zwei Arme und esse mit Besteck und trinke aus dem Glas. Du bist ein Komiker, ich meine nicht so. Wie denn? Geändert meine ich. Warum fragst du? Weisst du, ich kann mit meinem Mann nicht mehr umgehen. Warum nicht? Er bringt den Kehrichtsack nicht mehr unaufgefordert runter. Was erwartest du von ihm? Dass er den Kehrichtsack herunterbringt, was denn sonst! Dann sag ihm das! Geht es noch, das ist blöd, wenn ich ihm das sagen muss. Wieso? Du willst es so, er macht es nicht, sag es ihm. Er macht das gerne und ist froh, wenn du ihm das sagst. Rede mit ihm darüber. Du hast mich nicht verstanden, sagte sie und ging. Ich rief ihr nach: «schau auf www.fragile.ch nach!» Habe ich schon, nützt mir nichts. Was will man? Gelernt, dass man mit Hirnverletzten reden soll, wenn man von ihnen etwas erwartet, das sie nicht von sich aus machen. Gilt übrigens auch für nicht hirnverletzte. Ich habe mich damit abgefunden, Unverständnis zu ernten, wenn ich erzähle, wie ich funktioniere.
Anfangs Sommer kamen wir überein, dass der Aufstieg aus dem Gefühlssumpf erfolgt ist, die Wiedereingliederung in die neu gestaltete Arbeitswelt geglückt und die Aufgabe nahezu erfüllt sei. Wir haben den Sitzungstakt von einer Woche auf zwei Wochen umgestellt und zwischendurch sogar drei Wochen verstreichen lassen. Die Idee war erklärbar, der Erfolg stellte sich nicht ein. Ich habe zu schnell Fortschritte gemacht und die Reaktionen nicht richtig verdaut. Ich hielt mich nicht an die erarbeitete Zeitstruktur, arbeitete zu lange, zu intensiv und ruhte zu wenig aus. Es wurde mir alles zu viel, die Retourkutsche kam schonungslos. Ich erledigte die Arbeit nicht mehr, wusste nicht, wo anfangen, begann stundenlang zu spielen und wusste nicht mehr weiter. Mit dir redete ich nicht darüber, weil ich wütend auf mich war, weil ich dich nicht enttäuschen wollte. Die Aufzeichnungen meiner Tätigkeiten habe ich selbst eingestellt, die abgemachte neue Planung habe ich nicht richtig gemacht. Ich spielte dir vor, es geht mir gut. Du hast gemerkt, dass etwas nicht stimmt, warst geduldig, hast mir Zeit gelassen und mich behutsam auf meinen Weg zurückbegleitet.
Danke, dass du so viel Geduld mit mir hast. Du hast eine feinere Nase, als ich angenommen habe. An deinen Körpersignalen, deinem Blick und deinen Augen sehe ich, ob es mir gut geht. Wenn ich die Wahrheit nicht kennen will oder unbewusst ignoriere, merkst du es, ich bin froh darüber. Ich bin enttäuscht von mir, dass ich es nicht besser im Griff habe. Ich brauche nicht enttäuscht zu sein, weil ich mit zu viel Gas auf die Piste zurückkam. Ich denke, dass es gut ist, wenn ich die Aufzeichnungen meines Tagesablaufes wieder mache und mich gezielt an die erarbeitete Struktur halte. Es ist gut, wenn ich die Mittagsruhe auf fünf Tage erweitere. Ich benötige zu viel Energie, um die Aufträge in der erwarteten Qualität zu erledigen.
Das war eine anspruchsvolle Zeit und ich habe mich überschätzt. Du hast der Sache nicht richtig trauen wollen. Jetzt ist es klar, ruhig, Richtung und Tempo neu überdenken und umsetzen.
Mit dir zusammen schaffe ich das, ich freue mich.
