Hans Wittwer

Geschichten, die das Leben schrieb

Hirnverletzung und mein anderer Weg

Der Chef tobt!

🏁

Dampfender Bodennebel

Am Anfang des Energiemanagements «Energiefresser killen», zu Zeiten als ich dauernd lästige und unausstehliche Schmerzen hatte und nicht lange sitzen oder stehen konnte, in keiner Position länger als fünf Minuten wohl war und schnell müde wurde, hatte ich wenig Energie oder besser ich verheizte die vorhandene Energie für unvorteilhafte Tätigkeiten, für unterbewussten Ärger, für nicht optimales. Die Methode, verheizende Tätigkeiten zu identifizieren, kann ich weiterhin nicht allein anwenden, dazu ist dein Know-how weiterhin erforderlich. Durch Aufzeichnen des Tagesablaufes, bewerten der Ereignisse und gezielte Abwehrmassnahmen, haben wir Energiefresser Schritt für Schritt unschädlich gemacht.

Man muss Energiefresser nicht kennen, man muss lediglich die negativen Auswirkungen erkennen und daraus folgend, die richtige Angriffsfläche verkleinern, um die Energiefresser unwirksam zu machen. Die Energiefresser selbst lassen sich kaum eliminieren, aber die Wirkung der ungeliebten Energiefresser kann reduziert werden, und genau das ist das Ziel. Die funktionierenden Lösungen erscheinen plausibel und einfach. Darauf kommen ist das Eine und sie umsetzen das Andere. Die Methode, die Wirkung von Energiefressern zu reduzieren, ist komplex wie Spitzensport. Die Spitzensportler können alles selbst und benötigen trotzdem einen Coach. Sie können sich selbst nicht zuschauen und sich mit anderen emotionalen Voraussetzungen beobachten. Die Rehabilitation von einem Hirnschlag ist wie Spitzensport. Hochs und Tiefs. Hochs zu geniessen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, und an Tiefs zu wachsen, ist entscheidend.

Wellenförmig wurde es anders. Die Gefühlsschwankungen sind enorm. Manchmal himmelhochjauchzend, manchmal zu Tode betrübt in wechselnder Frequenz und Amplitude. Manchmal fühlte ich mich stark genug, Bäume auszureissen, und manchmal brauchte ich nur Ruhe. Ich hatte den Eindruck, mehr Energie zur Verfügung zu haben, als ich benötigte. Prompt drehte ich auf und lief voll gegen die Wand. Der akribisch erarbeitete Tagesablauf mit den Aktivitäten und Ruhepausen war eben gut. Das zu ignorieren, war keine gute Idee. Der Mahnfinger von dir ging nach oben. «Jetzt geht es wieder bergab», fühlte ich. «Nein, es geht nicht bergab, es geht nur nicht mehr so steil nach oben», sagtest du, und «das ist besser so», sagtest du. Ich war froh, das zu hören. Der Wert meiner Ruhepausen stieg an. Ich freute mich zunehmend auf meine Ruhepausen, erlebe sie jetzt als wichtigen Bestandteil von meinem Tagesablauf und nicht als Hinweis auf «Du bist krank und invalide und hirngeschädigt und weniger Wert». Du korrigierst mich sofort und unmissverständlich, wenn ich sage, ich sei invalide oder weniger wert, das hast du gar nicht gern, wenn ich solche Gedanken habe. «Du hast nicht mehr die gleichen Voraussetzungen», hast du gesagt, und das habe mit weniger Wert und Invaliden nichts zu tun.

Damit ich in den schwierigen Phasen auf dem gewählten Pfad bleibe und nicht schleichend und unbemerkt abschweife, benötige ich dich. Ich bin froh, von deinen Künsten profitieren zu dürfen. Wenn ich von meinen Glücksgefühlen überwältigt werde, danke ich dem lieben Gott, der dich geschickt hat. Ich weiss nicht, ob ich es verdient habe. Zweifel habe ich, weil ich so viel falsch gemacht habe. «Halt!» Schon wieder so ein unnützer Gedanke. Bei dir habe ich gelernt, dass jeder Mensch für sich selbst am besten weiss, was für ihn gut ist. So gesehen war mein früheres Tun nicht falsch, weil ich es so machte und so gewollt haben musste. Jeder übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Tun. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, darüber zu «grübeln» ist Energieverschwendung. Ich bin sicher, dass ich dich verdiene und deine Künste mir gönne.

Für mein eigenes Tun einstehen. Die Verantwortung für mich übernehmen. Was heisst das? Stellen Sie sich vor, sie müssen grüne Farbe mischen und der Chef sagt Ihnen, dass sie rote und blaue Farbe zusammenschütten sollen. Sie wissen, rote und blaue Farbe gibt violett, nicht grün. Sie wissen auch, dass der Chef saublöd tut, wenn sie nicht das machen, was er sagt. Sie machen das, was der Chef sagt. Der Chef tobte, weil nichts Grünes herauskam. Sie haben das Gefühl, sie seien nicht schuld und fühlen sich unfair behandelt. Egal, wie sie sich entscheiden, ob blau mit Rot, oder Blau mit Gelb, sie mischen und sie sind verantwortlich für das, was sie mischen. Entscheiden sie selbst und stehen sie zu ihrem Entscheid. Mischen Sie nicht blau und rot, wenn sie es anders meinen. Nur dann, wenn sie zu ihrem Entscheid stehen, fühlen sie sich verantwortlich für das, was sie selbst tun, und fühlen sich nicht unfair behandelt. Zu seinen Entscheiden Ja sagen und erst dann umsetzen. Setzen Sie einen Entscheid, zu dem sie nicht Ja sagen können, nicht um. Denken Sie nach oder fragen Sie nach. Sie haben die Energie, ihre eigenen Entscheide zu fällen und zu vertreten. Vertrauen sie sich. Die Wirkung ist verblüffend.

Mir kommen zwei Übungen in den Sinn, die sie ausprobieren können.

Übung 1: Gehen sie zu ihrem Chef und fragen sie ihn, ob sie morgen unbezahlt eine Stunde früher gehen dürfen.

Übung 2: Gehen sie zu ihrem Chef und sagen sie ihm, dass sie morgen unbezahlt eine Stunde früher gehen.

Merken sie die Finesse?

Bei der Übung 1 überlassen sie dem Chef die Entscheidung. Er wird wahrscheinlich nein sagen, weil er sie nicht organisieren will. Sie haben kein gutes Gefühl.

Bei der Übung 2 haben sie sich schon vor dem Gespräch entschieden, was sie wollen. Rücksichtsvoll, wie sie sind, haben sie sich selbst schon vor dem Gespräch betreffend Arbeit organisiert. Der Chef wird kaum einen Grund haben, sie nicht gehen zu lassen, und sie fühlen sich gut.

Winzige Unterschiede mit grosser Wirkung.

Um Haltung, um Respekt und Verantwortung geht es.

Weiter