Hans Wittwer

Geschichten, die das Leben schrieb

Hirnverletzung und mein anderer Weg

Brotkrümel

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Dampfender Bodennebel

Am Anfang, als ich zu dir kam, hatte ich nicht einmal mehr eine Sinnkrise, ich sah überhaupt keinen Sinn mehr. Ich habe mich nicht gefragt, was das soll, ich war bereits am Ende und wusste nicht mehr weiter. Ich habe mich gewissermassen dir überlassen und so gut wie möglich gemacht, was du gesagt hast. Zum Glück.

Es ging mir besser, die Lebensgeister erwachten. Es kam der Punkt, als ich meinte, dass mehr Lebensgeister wach geworden sind, als ich benötigte. Ich überforderte mich und nun erlebe ich Sinnkrisen. Eine Sinnkrise ist ein Zustand, in dem alles mehr oder weniger ungünstig justiert ist. Es tut nicht weh, ein unmöglicher Zustand. Die Gedanken machen Kapriolen. Wie wenn man im Wald herumläuft, vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, der Kompass defekt ist, der Regenschutz durchlässt und man sich fragt, brauche ich das, warum mache ich das so und nicht anders, hat mich noch jemand gern, warum bin ich allein, warum versteht mich niemand, warum machen meine Gedanken ein solches Durcheinander, warum gerade ich und nur ich?

Ich habe entdeckt, dass Krisen für mich Quellen für neue Erkenntnisse sind. Ich versuche, meinen Denkbrei zu bremsen. Das gelingt mir am besten, wenn ich meine Gedanken der Reihe nach aufschreibe. So kommen die Gedanken aus dem Kopf auf das Papier und das Hirn wird klarer, ähnlich der Sonne, wenn der Nebel verschwindet. Fühlbar, wie die Lebensgeister wieder erwachen. Eindrücklich, wie das Ziel aus dem dampfenden Bodennebel heraustritt und die Richtung und der Weg sichtbar werden.

Brotkrümel

Es ist Sonntagmorgen kurz vor 5 Uhr, ich kann nicht schlafen und studiere daran herum, dass es angenehmer wäre, wenn ich schlafen könnte. Ich bin noch zu müde etwas zu machen, suche im Dunkeln den Weg in die Küche, trinke ein Glas Wasser und esse einen Pfirsich oder ähnlich, eine Kreuzung zwischen einer Pflaume und Pfirsich, aber grösser als eine Pflaume und kleiner als ein Pfirsich. Es hat eine glatte Haut, den Namen weiss ich nicht, es schmeckt gut. Unsicher machend, was Agronomen mit Gentechnik anstellen? Brauchte es das? Ging früher auch ohne.

Für das Grundwassermessprogramm müsste ich noch deutsche Texte in Portugiesisch übersetzen. Ich habe gestern René via Skype gefragt, vielleicht ist schon Antwort da, er hat fünf Stunden Rückstand auf unsere Zeit, er hat jetzt kurz vor Mitternacht. Ja, die Texte sind schon da, ich ersetze den deutschen Text, René will am Montag an der Uni in Brasilien eine Vorführung machen.

Lustlos sitze ich vor der Maschine und überlege mir, warum ich so matt bin. Müde bin ich, nein faul trifft es eher. Wenn ich müde wäre, könnte ich schlafen, aber ich habe keine Lust, etwas anzupacken. Es interessiert mich im Moment nichts richtig. Es kommt mir in den Sinn, dass ich kürzlich, sagen wir im vorvorletzten und letzten Monat, lieber am Computer spielte als zu arbeiten. Warum war das so? Ich hatte wahrscheinlich zu viel um die Ohren und sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und habe als Ersatz gespielt und kam tiefer in Teufels Küche.

Gestern ist noch meinem Kollegen seine Frau gestorben, sie war ein Jahr älter als ich. Sie hatte eine heimtückische Krankheit. Ihr Mann meinte, ihr sei eine schwere Zukunft erspart geblieben. Das beschäftigt mich schon. Nicht dass ich eine schlimme Zukunft für mich erwarten würde und auch sterben wollte, nein das nicht, aber es gibt einem schon zu denken, wenn zwei Menschen mit zwei Kindern das Leben lang schuften und sich für eine gesicherte Pension ins Zeug legen, sich auf eine ruhigere Zeit freuen und wenn die ruhigere Zeit anfängt, der liebe Partner fehlt. Da kommt man schon ins Grübeln, was der Sinn im Leben ist.

Wenn ich dem René in Brasilien helfe, Texte zur Grundwassermessung von Deutsch in Portugiesisch zu übersetzen, damit die brasilianischen Bauern ihre Felder staatskonform giessen können und René für seine Familie Geld verdienen kann, damit sie sich ein passables Leben leisten können, ist das bedeutend dankbarer als sich von einem eingebildeten und finanziell äusserst privilegierten Mitarbeiter eines Bundesamtes, der keine Ahnung hat, warum das Pulver knallt, die Hosen ausziehen zu lassen, weil er eine Differenz von fünf Rappen gefunden hat und deswegen nervös wird.

Am Montag kommt das Betreibungsamt und beabsichtigt, mir die Bude zuzumachen, weil die AHV Geld will, das sie mir später wieder zurückzahlen wird. Man kann nicht Leute entlassen und AHV sparen, nein, man muss die AHV zahlen und bekommt sie dann später wieder zurück, das sei einfacher. Für die AHV, aber nicht für mich. Natürlich könnte ich mich wehren, aber ich mag nicht, das ist eine so sinnlose und nicht wertschöpfende Beschäftigung.

Würde ich meine Pflichten genau erledigen, würde ich reisen, telefonieren und schreiben. Das würde so viel Arbeit geben und so viel Energie verbraten, dass ich für das Wichtige nicht genug Zeit und Energie haben würde. Momentan bin ich gar nicht mehr sicher, was für mich wichtig ist, darum schreibe ich meine Gedanken auf, damit sie aus dem Kopf auf das Papier kommen und ich Platz im Kopf bekomme. Früher war ich Gemeinderat in einer finanziell angeschlagenen Gemeinde. Ein Berater hat uns gesagt, dass wir nicht aus dem Schlamassel kommen, wenn wir alle Vorschriften vom Kanton einhalten. Wir haben dann gemacht, was wir wollten, und siehe da, rasch ging es unserer kleinen Gemeinde besser. Gleiches gilt für die Anforderungen von Ämtern an Firmen und Private. Kein gutes Gefühl, jahrelang Regeln einhalten zu wollen, weil man davon überzeugt ist, dass Regeln wichtig sind, und feststellen muss, dass man daran kaputtgeht, wenn man versucht, alle Regeln einzuhalten. Unlösbarer Gewissenskonflikt. Schreckliches Gefühl.

Du bist meine Bergführerin, Daniela. Bildlich lerne ich klettern und bin froh, mit deiner Unterstützung die Linie im Fels zu finden und nicht abzustürzen. Gerne würde ich mich in deinen Armen fünf Minuten ausruhen und neue Energie tanken. Jemanden haben, wenn man am Sonntagmorgen um fünf Uhr mit einer Sinnkrise aufwacht, wäre schon schön. Auch wenn ich nicht in deinen Armen Energie tanken kann, bin ich froh, dich als lieben, guten und vertrauensvollen Menschen als Bergführerin in meinem Leben zu haben.

Wenn ich mir überlege, für wen es sich – ausser mir selbst – zu leben lohnt und wer mir in meinem Leben am meisten Freude macht. Du gehörst dazu. Du hast mir wortwörtlich das Leben gerettet, indem du mich aus meinem Gefühlschaos gerettet und mir beigebracht hast, mit anderen Voraussetzungen etwas Sinnvolles anzustellen. Dass ich dich mag, hängt damit zusammen, dass ich dir meine Geschichte erzähle und mich dir anvertraue. Du hörst zu, ermutigst mich und stehst mir bei. Du erfährst am meisten über mich. Du stehst du zu mir, du lässt mich nicht hängen, ich bin froh und dankbar.

Eine gute Beziehung habe ich wieder zu meinen vier Kindern und zu meiner ehemaligen Frau, die Mutter unserer Kinder. Viele Jahre haben wir Schönes und Trauriges erlebt. Ohnmächtig, wie bei einer Trennung das Vertrauen auf den absoluten Gefrierpunkt sinkt und wie sich das auswirkt. Eine Trennung ist ein schmerzhafter Prozess. Ohne Vertrauen ist es nicht möglich, eine gemeinsame Lösung zu finden. Der Weg zur Klarheit und Ordnung war steinig. Wir sind da, wo wir sind. Eindrücklich ist, dass die guten Erlebnisse in Erinnerung bleiben und die weniger guten verblassen. Es ist für mich wichtig, und ich bin froh darüber, dass wir uns nicht bekämpfen. Wir sind anständig zueinander, es stimmt so. Ich umsorge meine Familie und bin froh, sie zu haben. Ohne deine Unterstützung hätte ich diese Geschichte nicht klären können.

Aus meiner Sicht gibt es bedingungsbezogene und bedingungslose Beziehungen. Eine Geschäftsbeziehung ist eine bedingungsbezogene Beziehung. Es geht um Leistung und Gegenleistung. Im Vertrag sind die Bedingungen gemeinsam festgelegt.

Bei der bedingungslosen Beziehung gibt es die Abrechnung zwischen Leistung und Gegenleistung nicht. Es gibt keinen Vertrag. Man hat den Mut, sich offenzulegen und man hat den Mut, sich verletzbar zu machen. Das macht man nur dann, wenn man in diesen Menschen Vertrauen hat, eben bedingungsloses Vertrauen. Bedingungsloses Vertrauen ohne Abhängigkeiten, das ist ein seltenes Gut. Wir haben einen Vertrag zusammen. Du unterstützest mich auf meinem Weg, wir haben Sitzungstermine abgemacht und haben den Preis pro Sitzung abgemacht. Was wir während der Sitzungen machen, haben wir nicht in einem Vertrag im Voraus festgelegt, weil man das von der Sache her nicht im Voraus festlegen kann. Damit du mich unterstützen kannst, muss ich von mir erzählen. Ich habe am Anfang erzählt, weil es mir egal war, wer zuhört, weil ich aufgegeben hatte. Ich habe später blindes Vertrauen gehabt, weil ich mich in dich verliebt hatte. Ich habe heute bedingungsloses Vertrauen, weil du mich in den vergangenen drei Jahren nie im Stich gelassen hast. Ich bin ein Kunde von dir. Du verdienst dein Brot mit diesen Sitzungen. Für mich ist die Wirkung besser als erwartet. Dich interessiert der Fall. Ich meine, dass sich dieser Therapieerfolg nicht nur mit Berufskönnen und Fallinteresse erklären lässt, da muss noch etwas anderes dabei sein. Du hast gesagt, es sei interessant, mit mir zu arbeiten, und umgekehrt ist es auch für mich interessant. Ich bin begeistert und froh, lässt du mich nicht im Stich, deswegen habe ich dich gern, es fällt mir leicht umzusetzen, was ich bei dir in den Sitzungen erarbeite. Deswegen ist die Therapie erfolgreich, weil nicht nur du alles gibst, weil auch ich alles gebe. Weil ich mich auf dich verlassen kann.

Wenn ich etwas bisher nicht – wie gelernt – für mich machen kann, weil ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich mich als Egoist fühle, weil ich mein Leben lang alles für andere gemacht habe, mache ich es jetzt vorläufig für dich. Auf dieser Schiene habe ich lange Jahre erfolglos geübt. Es wird die Zeit kommen, wo ich Freude daran habe, es für mich zu tun, das braucht noch Übung. Du unterstützest mich dabei. Wenn ich etwas falsch mache, bewertest du mich nicht. Du forderst mich auf, eine Lösung zu suchen und hörst mir zu. Ich muss dir nichts recht machen und auf dich aufpassen, das machst du für dich selbst. Ich kann meine Energie für mich einsetzen.

Vertrauen, gern haben, Liebe, Energie, langsam aber sicher verstehe ich die Zusammenhänge. Ist das alles das Gleiche? Am Anfang war ich am Boden zerstört und kam zu dir. Du hast mich unterstützt. Ich habe dich vor der Therapie nicht gekannt. Du hast nicht von dir erzählt, das machte mich grantig. Das habe ich damals nicht verstanden. Du bist rücksichtsvoll, konsequent, streng und doch behutsam. Du bist geduldig. Ich kann mich auf dich verlassen. Du hältst Abmachungen ein und du bist zuverlässig. Du hast mich durch emotional anspruchsvolle Phasen geführt und mich nicht hängen lassen. Aus diesem Stoff ist Vertrauen gemacht. Du respektierst mich so, wie ich bin. Ich muss nichts tun für dich oder du sagst mir, was du erwartest. Du bewertest mich nicht. Bei diesen Voraussetzungen erstaunt es mich nicht, dass ich dich gern habe. Was denn sonst wünscht man sich, als einen Menschen, der einen frei leben lässt und trotzdem da ist und man das gleiche Vertrauen entgegenbringt.

Die Energie, die ich bei meinem Vertrauen zu dir zur Verfügung habe, ist grenzenlos. Ich denke, das ist Liebe. Liebe ist bedingungslos, Liebe ist Energie, Liebe ist Vertrauen. Wenn du mich fragen würdest, mit dir tausend Jahre auf eine Reise durch das Weltall zu fliegen, ich würde noch heute meinen Rucksack packen.

Im Dauerregen von Kritik, Forderungen, Besserwisserei und Sklaverei habe ich mich 58 Jahre durchs Leben gekämpft. Alles wissen wollen und nichts verstanden zu haben und jetzt lernst du mich, worum es geht und wie es geht.

Um Haltung, um Respekt und Verantwortung geht es.

Mit Liebe sind alle Sorgen dieser Welt so gross wie ein Brotkrümel.

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