Hirnverletzung und mein anderer Weg
Früher
Als kleiner Bub in der ersten Klasse meinte die Lehrerin: «Der James ist geschickt». Lernen fiel mir leicht, und gleichzeitig hatte ich eine nasse Zündschnur. Ich merkte erst, als ich in ein anderes Schulhaus musste, dass ich die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule bestanden hatte. Das ist mir später, als ich die Prüfung zum Car Chauffeur machte, auch wieder passiert. Ich dachte, ich bearbeite einen Übungsbogen und es war der Prüfungsbogen. Nach der Schule wusste ich nicht, was ich lernen wollte, und lernte Fernmelde- und Elektronikapparate-Monteur statt Koch oder Gärtner, weil man lernt, wie ein Relais funktioniert, und das wollte ich wissen.
Kunstturnen, Skifahren, Skirennen, Gebirgsgrenadier. Meine Jugend spielte sich neben der Schule und der Lehre zeitweise im Gebirge ab. Ich habe viel erlebt und erinnere mich gerne daran. Nach der Lehre absolvierte ich das Technikum und erhielt das Diplom als Elektroingenieur HTL, Fachrichtung Nachrichtentechnik. In der Diplomarbeit befasste ich mich mit dem Bildempfang von Wettersatelliten. Von der NASA haben wir die Koordinaten vom Äquatorkreuzungspunkt erhalten und haben die Flugbahn berechnet und warteten mit der handgesteuerten Helix Antenne auf dem Dach auf den Satelliten am Horizont. Während der sichtbaren Phase von etwa 20 Minuten empfingen wir die Bilddaten und haben anschliessend in der nicht sichtbaren Phase von etwa zwei Stunden ein Wetterbild von Europa auf den Kathodenstrahloszillografen gezaubert. Heute hat es jeder fix fertig aufbereitet auf seinem Telefon. Die Studienzeit am Technikum und in der Studierendenverbindung war genial. Im Kantenprügel stehen die Geschichten. Einen spannenden Feriengeld-Einsatz verbrachte ich in einer Autofabrik. Während zwei Wochen haben wir mitgeholfen, den Lackeinbrennofen bei 45 Grad Celsius auszuwechseln. Ein anderer Einsatz war in den Bergen: Am Morgen in der Pension zum Frühstück 80 Personen bedienen, anschliessend zwei Stunden Skifahren, am Mittag servieren in der Talstation, am Nachmittag zwei Stunden Skifahren und anschliessend Skiliftbügel reparieren, Nachtessen an 80 Personen servieren und Barkeeper spielen bis Feierabend. Mit 600.– Franken mehr im Sack kam ich aus den «Ferien» zurück.
Nach dem Studium arbeitete ich vier Jahre bei einem Steuerungsbauer und war die meiste Zeit im Nahen Osten auf den Baustellen im Einsatz. Die spannende Junggesellenzeit habe ich genossen. Als Clown während 25 Jahren auf der Bühne haben viele geglaubt, ich sei ein Lustiger, der nie traurig oder nachdenklich ist und alles auf die leichte Schulter nimmt. Dass Clowns introvertiert, sensibel und traurig sein können, haben nur wenige gewusst.
Die unlösbaren Unstimmigkeiten in meiner Patchwork-Familie. Die Meinung der Mutter unserer Kinder, die Meinungen der Kinder und schlussendlich die Meinungen der Geschwister, Eltern, Grosseltern, Verwandten, Freunde und wer sonst noch alles meinte zu wissen, wie ich zu leben habe. Keine Chance, das mit meiner damaligen Haltung zu verarbeiten. Ich wollte alles verstehen und jedem recht machen. Das verrückte daran ist, dass es alle gut gemeint haben und trotzdem gegensätzliche Meinungen hatten. Früher wurde ich fast wahnsinnig, heute verstehe ich, dass es so ist, weder falsch noch gut, einfach so ist. Ich bin heute daran, in kleinen Schritten, im Tempo, wie es mir guttut, alten Zoff zu klären. Jahrelanger Grabenkampf frisst enorm Energie. Solche Fälle lassen sich nicht husch lösen. Ich will den Energieverschleiss reduzieren, ohne mit dem Gegner eine neue Schlacht zu beginnen. Zusammen reden, das ist einfacher gesagt als getan. Früher wurde ich einmal zum Teufel gejagt. Ein Fachmann meinte damals, jetzt können sie wenigstens ungestört selbstständig werden.
Die eigene Familie gegen die Verwandtschaft zu verteidigen, ist ein spannendes Thema. Das bringt den einen oder anderen Menschen wahnsinnig aus dem Konzept. Heute kann ich darüber schreiben, damals bin ich in der Zwickmühle fast erstickt. Ich bin intuitiv meinen Weg gegangen und habe gelitten. Ich kann andere Menschen nicht ändern und muss auch nicht. Die anderen sehen es anders.
Ich habe mich für meine Familie entschieden. Ich würde es wieder so machen, nur viel früher und viel deutlicher. Heute wäre ich wahrscheinlich nicht geschieden, wenn ich eine klare Stellung bezogen hätte und mich nicht laufend über den Tisch hätte ziehen lassen. Das hat beschäftigt und nicht in Ruhe gelassen. Heute sehe ich das anders.
Wenn andere Menschen ihr limbisches System nicht anders trainieren wollen, kann ich das nicht ändern. Jeder kann selbst denken, was ihm guttut. Was andere fühlen, hängt nicht von mir ab und was ich fühle, hängt nicht von anderen ab. Heute habe ich eine gute und ruhige Beziehung zu meinen Kindern und der Mutter unserer Kinder. Das war ein anspruchsvolles Unterfangen, diese Situation zu klären. Ohne Unterstützung durch meine Coachin würde ich weiterhin herumirren und leiden und hätte die lockere, freie und offene Art, mit meiner Familie umzugehen, weiterhin nicht gefunden.
Interessant ist, dass ich mich nicht ärgere, dass ich das früher anders hätte machen könnte. Früher habe ich nicht gewusst, was ich heute weiss. Alle früheren Entscheide habe ich mit dem damaligen Wissen in meinem Sinn entschieden. Denn alles, was man tut, macht man selbst und will es so.
Oder wird jemand von euch ferngesteuert?
Vergessen Sie das, sie werden nicht ferngesteuert. Ihr Hirn gibt die Signale an ihre Füsse und Hände, sie tun das selbst. Es dauerte lange, bis ich diese Finesse begriffen hatte. Es gibt keinen Stecker an meinem Kopf, wo andere Befehle in mein Hirn speisen können, und eine Antenne habe ich auch keine gefunden. Sogar wenn mein Unterbewusstsein schaltet, ist es meine Meinung, denn mein Unterbewusstsein gehört mir.
Wohlgemerkt, die Auswirkungen von psychischen Krankheiten sind nicht das Thema, davon schreibe ich nicht, dieses Thema kenne ich nicht. Ich schreibe von gesundem Hirn an der Leistungsgrenze. Mein Hirn ist nicht krank.
Ich nehme täglich Blutverdünner und Blutdrucksenker, andere Medikamente habe ich nicht. Ich habe hartnäckig mit den Ärzten verhandelt, bis wir uns einig waren, ob die Vorteile überwiegen. Ein Medikament hat mich brutal heruntergefahren und ich hätte es wegen des Risikos eines weiteren Hirnschlages unbedingt nehmen sollen. Als ich meine körperliche Verfassung und das erhöhte Risiko durch die Nebenwirkungen thematisierte, war ich unentschieden und der Arzt meinte «nehmen sie dieses Medikament nicht mehr». Arbeiten sie mit ihren Ärzten, die können etwas.
Zurück zu meinem Hirn. Bei meinem Hirn ist ein Teil beschädigt, und ich habe es jahrelang nicht in meinem Sinn verwendet. Das kann krank machen und ist mit Sicherheit Energieverschwendung. Diese Energieverschwendung ist mein Thema. Das Unterbewusstsein oder das limbische System oder das Gefühlszentrum oder wie sie dem sagen wollen, trainieren wir stetig durch Üben, durch etwas tun. Erlebnisse und Wahrnehmungen werden in unserem Hirn gespeichert. Das sind Gefühle. Mit Erlebnissen bilden wir unser Hirn aus. Je mehr sie erleben, desto mehr lernt ihr limbisches System. Erleben sie Erlebnisse, machen sie Fehler, sonst lernen sie nichts.
Liebe Eltern der Kinder dieser Welt, lasst eure Kinder mit eurem Segen gehen, auch dann, wenn ihre Kinder nicht das tun, was sie als Eltern von ihnen erwarten. Lasst sie Fehler machen, denn davon lernen sie zu sich Sorge zu tragen.
Meine Kinder sind eigenständige Personen mit eigener Meinung. Sie haben Fehler gemacht und gelernt. Sie ecken an. Ich habe Freude an meinen Kindern und habe sie gern. Ich traue Ihnen zu, täglich ihre Wegstrecke zu finden.
