Hirnverletzung und mein anderer Weg
Verliebt
Ich bin überrascht und habe es genossen, in aller Ruhe ein Geschenk zum Geburtstag ausgewählt und gekauft zu haben. Früher habe ich es vergessen oder in Eile und zufällig ein Geschenk gekauft.
Meine Therapeutin ist ein Volltreffer. Im Januar wollte ich mir das Leben nehmen und heute käme mir das nicht mehr in den Sinn. Es war mir früher, vor meinem Hirnschlag, mal alles scheissegal. So hoffnungslos und ausweglos wie vier Monate nach meiner Hirnverletzung habe ich es noch nie erlebt. So etwas wünsche ich niemandem.
Wenn es Leute gibt, bei denen das Hirn verrücktspielt und sie solche Gefühle entwickeln, wie ich sie im Januar hatte, verstehe ich jetzt ein wenig besser, warum sie absolut keine Chance haben, sich selbst aus diesem Gewirr zu befreien. Das eigene Hirn, das einem dabei helfen sollte, einen Weg zu finden, spielt verrückt. Mit kaputtem Werkzeug ist es schwierig, kaputtes Werkzeug zu reparieren. Die Untergangsgedanken wurden unterstützt durch Schmerzen am ganzen Körper. Nicht eine einzige Minute pro Tag fühlte ich mich wohl. Die kognitiven Fähigkeiten seien der Altersgruppe entsprechend intakt. Das hat meine Neuropsychologin drei Wochen nach dem Hirnschlag in der Klinik nach vier Sitzungen herausgefunden. Wie ich später gelernt habe, haben die kognitiven Gedanken keinen Einfluss auf das Gefühlszentrum und somit keinen Einfluss auf das Wohlbefinden. Wenn man sich vier Gegenstände (Apfel, Fahrrad, Berg, Flasche) drei Minuten merken kann, lässt sich daraus schliessen, dass ich selbst Brot, Käse, Milch und Eier einkaufen könnte, wenn der Laden nicht weiter als drei Minuten von zu Hause weg ist. Deswegen geht es einem nicht merklich besser. Nach meinen verschiedenen Therapiebesuchen bei den Physiotherapeutinnen und Ergotherapeutinnen konnte ich wieder langsam und vorsichtig selbst gehen und selbst essen, das war ein Riesenerfolg. Ich bin beeindruckt, mit welchem Einsatz und persönlichem Engagement Therapeutinnen und Therapeuten am Werk sind.
Hammerhart
Nach der teilweisen Rehabilitation der körperlichen Fähigkeiten wurde ich hammerhart mit den Kopf Faktoren konfrontiert. Dank der Tipps meiner vorletzten Ergotherapeutin, welche mich dabei unterstützt hat, meine Finger besser anwenden zu können, kam ich zu meiner jetzigen Ergotherapeutin. Ihre Hypothese war, dass mein Gehirn auf Hochtouren dreht und ich nicht genug Energie habe, was mir im Kopf herumschwirrt, zu bewältigen. Unnötig im Kopf rumschwirrende Gedanken sind die Folge von Energiefressern, diese Energiefresser müssen abgestellt werden. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns sei durch den Hirnschlag stark reduziert. Die notwendige Energie für die Bewältigung der laufenden Gehirnprozesse steht nicht mehr zur Verfügung. Das hat einen Einfluss auf den Organismus. Die Annahme war genau richtig, stellte sich später heraus. Ich stelle mir das so vor: Wenn ich 60 Tonnen Kies auf einen Berg transportieren muss, fahre ich fünf- bis sechsmal mit dem Lastwagen auf den Berg. Das kann ich auch mit der Karrette, habe aber viel länger oder ich transportiere weniger als 60 Tonnen. Mein Hirn ist jetzt eine Karrette und kein Lkw mehr. Ich kann nicht mehr alles und nicht mehr so schnell und so viel miteinander denken. Ähnlich einem Auto, bei dem noch zwei statt vier Zylinder funktionieren und der Benzintank nur noch 25 statt 50 l Benzin fasst. Mit halber Leistung und halber Energie statt mit Vollgas auf der Strecke zusammenbrechen.
Komplexe Zusammenhänge kann ich mir nicht mehr im gleichen Ausmass vorstellen. Früher konnte ich mir am Telefon eine Problemsituation erklären lassen, diese verstehen und in meinem geistigen «Labor» im Kopf nachbauen, ansehen und die Ursache analysieren. Das klappt heute nicht mehr. Der interne Projektionsapparat beabsichtigt nicht mehr anzuspringen. Ich bin langsamer und werde schneller müde. Für mich ist es schwierig zu merken, ob ich etwas, das ich konnte, noch kann. Ich sehe z. B. eine von mir früher fertiggestellte Arbeit und glaube, dass ich das noch könnte, wenn ich müsste. Es kommt vor, dass ich eine Arbeit vor mir her schiebe und nicht verstehe, warum ich die Arbeit nicht erledige. Mit Entschuldigungen wie «ich bin dran», obwohl ich noch gar nicht angefangen hatte, oder «ich kann im Moment nicht schreiben, meine Finger schmerzen», oder «ich habe es vergessen» oder, oder, oder, schiebe ich die Arbeit weiter hinaus. Ich bin nicht in der Lage zu erkennen, dass ich es nicht mehr kann. Das ist ein eigenartiges und geheimnisvolles Gefühl. Eigenartigerweise konnte ich ein Programm reparieren, nachdem ich das Programm nicht mehr reparieren musste. Eventuell hängt das mit dem Erfüllungsdruck zusammen. Ich habe die Aufgabe wie ferngesteuert – ohne bewusst mitzudenken – gelöst, in Trance? , keine Ahnung. In der Zwischenzeit habe ich schwierigere Denkaufgaben lösen können. Ich musste den richtigen Zeitpunkt finden. Ein Schütze wartet, bis die Scheibe kommt, dann drückt er ab. Meine jetzige Leistungsfähigkeit wird in der heutigen Hetzerei und kapitalistischen und leistungsorientierten Welt nicht akzeptiert. Mit 58 ist man out und mit einem Hirnschlag ohnehin. Ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn man eine Einzelfirma hat, wird es brutal, da gibt es nur die Devise arbeiten oder sterben.
Jetzt noch den Satz von meiner lieben Therapeutin fertig machen …
Sie ist, wie oben geschrieben, ein Volltreffer. Wenn ich den Weg vom hoffnungslosen Menschen mit Suizidgedanken zum Menschen mit feststellbaren und schriftlich festgehaltenen Fortschritten in Richtung Person mit Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit gehen kann und mich mittlerweile wieder spüre und wieder Freude am Leben habe, dann bin ich grenzenlos dankbar. Sie sagt, ich hätte alles selbst erreicht, sie habe nichts gemacht. Das stimmt so nicht und das weiss sie. Die Chemie zwischen uns stimmt. Sie fordert mich in positiver Art. Ich habe mich verliebt und habe es ihr offenbart. Sanft und achtsam hat sie auf ihren Ehering getippt: Sie könne die Zukunft nicht voraussagen, jetzt nein. Neu erlebte Art, ein Nein zu erfahren. Die Therapie führten wir einwandfrei weiter …
Entscheiden
Ich habe alle Entscheide selbst umgesetzt, das stimmt. Ohne ihre Unterstützung wäre das nicht so erfolgreich gegangen. Ich habe ihr gesagt, sie sei mein Geländer und sie sagte, sie sei gern mein Geländer. Sie ist auch mein Spiegel für meine Gefühlsregungen und meine geistigen Vorgänge. Wenn man sich schön machen will, benötigt man einen Spiegel, um zu sehen, wie man aussieht und wo man etwas ändern will. Wenn man im Hirn nicht mehr «schön» aussieht, benötigt man einen Hirnspiegel. Meine Therapeutin ist ein begabter Hirnspiegel, es scheint mir, dass sie das, was ich aussende, unverfälscht zurückgibt, damit ich sehe, wie es in mir ausschaut. Bei meiner Therapeutin kann ich meine Fragen thematisieren. Vom Handwerk, wie ich mit meiner Verletzung umgehe, wie ich Entscheide bezüglich Machbarkeit und Ausführung gestalte, lerne ich viel. In kleinen Schritten habe ich gelernt, wie das Aufräumen im Hirn funktioniert, dass freie Energie ein wichtiger Schlüssel zur Lebensfreude ist und Energiefresser lokalisiert und vernichtet werden müssen und können. Schritt für Schritt habe ich kleine Erfolge erzielt und freue mich auf die Erfolge. Ich habe Freude am Prozess «Energiefresser abbauen» gefunden. Ich habe gelernt, dass der Weg steinig ist und jede Verbesserung Ausdauer und Energie benötigt. Es ist wie auf den Skiern vom Konkordiaplatz zur Hollandiahütte. Immer wenn ich die Kante der nächsten Erhebung gesehen habe, meinte ich «nur noch bis dort, dann bin ich oben» und es kommt wieder eine neue Erhebung, bis man fast verzweifelt. Mit der Zeit bekommt man Spass daran und freut sich auf die Zwischenziele. Im Leben ist man nie am Ziel, es sind Zwischenziele, das ist jeden Tag so. Was ich nicht erwartet habe, ist meine emotionale Reaktion auf meine Verhaltensänderungen. Wie beim ersten Sprung vom 10-Meter-Turm im Freibad. Von unten kein Problem, von oben mulmig und wenn man springt, kommt das Gefühl, das man sich nicht vorstellen kann. Das kann Lust auf mehr erzeugen oder nein danke, das lieber nicht mehr. Darum, am Anfang das 3-Meter-Brett und anschliessend das 5-Meter-Brett und dann der 10-Meter-Turm.
Vertrauen
Die Therapie empfinde ich als angenehm, obwohl das Herz ausschütten emotional anspruchsvoll ist. Das Gegenüber muss speziell sein, wenn ich Vertrauen habe und über alles reden kann und darf, ohne mich in die Ecke gedrängt zu fühlen oder sonst einen Nachteil zu befürchten. Das fühlt sich gut an. In meiner Jugend war das höchste Lob, nicht gelobt zu werden. Entweder «Keine Reaktion» oder «angebrüllt» oder «geschlagen». Ich erinnere mich an ein ungewollt mitgehörtes Gespräch, als ich noch zur Schule ging, da wurde davon geredet, dass man den Kindern den Willen brechen müsse, damit man sie benötigen könne. «Verkehrter geht’s gar nicht.» In der Therapie wurde ich noch nie angebrüllt und auch nicht geschlagen. Mir kommen beinahe die Tränen vor Freude. Offen sein zu dürfen, ohne zusammengestaucht zu werden. Kaum zu glauben, aber wahr.
Wegen dieser vertrauensvollen Umgebung, der angenehm empfundenen Kommunikation und wegen der Teilerfolge fühle ich mich gut und werde zwischendurch von einer gewaltigen Gefühlslawine überschüttet.
Meine sympathische Therapeutin ist die einzige Person ausser mir im Raum. Es fühlt sich ähnlich an wie verliebt sein, ein angenehmes Gefühl, eine Freundin. Ich hatte sogar den Mut, das zu thematisieren und habe es ohne Schaden überstanden. Das ist eine positive Erfahrung, ein offenbar heikles Thema, das nach einem kurzen Gespräch gar nicht mehr heikel ist. Meine Therapeutin ist mir ans Herz gewachsen und ich habe sie gern. Das habe ich ihr gesagt. Ich freue mich daran und freue mich auf die nächste Therapiestunde …
Von Baum zu Baum
Mir geht ein Bild durch den Kopf, wie ich mich selbst entdecke. Es ist so wie im Wald, man sieht den ersten Baum und sieht den nächsten Baum hinter dem ersten Baum erst, wenn man beim ersten Baum vorbeigegangen ist. Je länger man im Wald spazieren geht, lernt man den Wald besser und tiefer kennen. Etwa so erlebe ich die Entdeckungsreise durch meine Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge. Im Wald benutze ich die Augen und die Nase und die Ohren. In meiner Gedankenwelt benötige ich meine Therapeutin, die mich dabei unterstützt, meine Gefühlsregungen und geistigen Vorgänge zu identifizieren, zu verstehen und zu meiner Freude zu interpretieren. Ich denke, dass ich das nach der abgeschlossenen Therapie wie ein Lehrling nach der Lehre selbst weiter machen und weiter optimieren kann. Nach einer gewissen Zeit mit praktischer Erfahrung kann ich mir vorstellen, einen Weiterbildungskurs bei ihr zu besuchen oder gelegentlich ein Beratungsgespräch zu führen. Je länger ich in meiner Gefühlswelt herum denke und von Baum zu Baum spaziere, entdecke ich verfaulte oder schräg wachsende Kreaturen. Auch abgeholzte Bereiche finde ich. Da liegt das Holz stellenweise ungeordnet ineinander verkeilt herum. Ob ich aufräumen soll oder kann, oder ob ich Moos darüber wachsen lassen soll, muss ich mir später überlegen und es in der Therapie ansprechen. Ich weiss im Moment nicht, wie viel Energie das braucht und ob es Sinn ergibt, beschädigten Wald von längst geschlagenen Schlachten zu reparieren oder so zu lassen, wie er ist. Konkret stelle ich mir die Frage, ob ich den Familienzwist nochmals aufwärmen soll. Dazu fehlt mir im Moment der Dampf.
Verhalten trainieren
Die Nebenwirkungen einer neu gelernten und am eigenen Leib erprobten Verhaltensänderung sind unerwartet, daran muss man sich erst gewöhnen. Freude, Erstaunen, gespannte Erwartungen über die Reaktionen von einem selbst und betroffenen Personen und ein schönes warmes Wohlbefinden, Freude, es geschafft zu haben, Zweifel beim nächsten Versuch zu versagen, Zuversicht, es beim nächsten Mal wieder zu können. Es ist wie etwas Neues lernen. Wenn man schon ein wenig gelernt hat, freut man sich und muss stetig dran bleiben, um die Vollendung des neuen Verhaltens anzustreben. Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, wie ich merke, wann ein Energiefresser wirkt und wie ich ihn identifizieren kann. Bis jetzt habe ich gelernt, dass Energiefresser zu eliminieren sind. Man kann nicht für die halbe Welt verantwortlich sein wollen oder müssen. Da ist auch noch ein undurchsichtiges Gebiet mit dem Wollen oder müssen. Wann muss ich müssen? Ich kann nicht machen, was ich will, und ich kann auch nicht alles müssen. Dazwischen muss es liegen, aber wo? Ich glaube, so viel habe ich noch nie einer einzigen Person über mich erzählt. Verliebt ist schön, so geht es leicht.
