Hans Wittwer

Geschichten, die das Leben schrieb

Hirnverletzung und mein anderer Weg

Höhenklinik

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Das Trainingsprogramm füllt den Tag aus. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Neurobad, MTT (Medizinische Trainings-Therapie im Kraftraum), Neuropsychologie, Sozialberatung, Ernährungsberatung, spazieren auf dem Eichhörnliweg in abwechselnder Kombination. In der Regel sechs Therapien pro Tag und ein bis zwei Arztvisiten pro Woche. In meinem Zimmer sind wir zu dritt, Baba 35-jährig aus dem Emmental, war unfreiwillig in eine Schlägerei verwickelt worden. Die Ärzte haben ihm den Schädel aufgeschnitten und den oberen Teil wie einen Deckel abgenommen. Er hat eine Kunststoffabdeckung und einen Schutzhelm als Schutz vor Verletzungen auf dem Kopf. Er kann nur noch Baba sagen. Wenn das Hirn nicht mehr geschwollen ist, wollen sie ihm den Deckel wieder montieren. Es besteht die Möglichkeit, dass er wieder sprechen lernen kann. Der zweite Zimmerkumpel ist ein älterer Herr aus dem Jura. Er spricht nicht viel, und wenn er etwas sagt, spricht er nur französisch. Das Pflegepersonal auf der Abteilung spricht auch nur französisch und das ist gar nicht praktisch. Das Essen ist gut, die Leute, die ich kennenlerne, auch. Niemand ist krank, wir haben alle nur andere Voraussetzungen. Mitleid existiert nicht, Untergangsstimmung auch nicht. Es geht darum, auf dem Ist-Zustand aufzubauen und schrittweise Verbesserungen Richtung grösserer Selbstständigkeit zu erreichen. Das gibt eine gute Stimmung, gibt Mut, eine positive Sichtweise und erleichtert das eigene Leben enorm. Das neurologische Bad und die Physiotherapie sind für mich die beiden favorisierten Therapien, weil ich am besten mitmachen kann und es mir anschliessend besser geht. Der Kraftraum ist nicht mein Favorit, ich würde lieber an der frischen Luft spazieren gehen und Kraftübungen draussen machen. Die Ergotherapie interessierte mich erst, als ich wieder einigermassen gehen konnte. Als Feinmotorik-Training besuche ich den wöchentlichen freiwilligen Basteltag und flechte einen Korb. Die Knetübungen mit der Plastikmasse mache ich in der Nacht, wenn ich aufwache und nicht schlafen kann. In der Ergotherapie baue ich eine Karrette mit dem Metallbaukasten. In der Neuropsychologie messen wir mit einem Computerprogramm, ob meine Sinne und das Hirn noch brauchbar sind. Das Resultat entspricht der Altersgruppe und zeigt nichts Auffälliges. Die Belastbarkeit messen wir nicht.

Die pneumatische Schiene konnte man mir in der Höhenklinik nicht verpassen, weil die Hähenklinik so was nicht macht und dafür auch nicht eingerichtet ist. Für dieses Unterfangen fährt mich der Klinik-Chauffeur in die Lungenklinik. Im Schlaflabor verkabelt mich eine resolute und trotzdem nette Niederländerin und verpasst mir eine ResMed Mirage Quattro Maske. Ich komme mir vor wie in einem Kampfjet mit einer Sauerstoffmaske. Nach einer Stunde Versuchsschlaf stellte sie den Befund «falsche Maschine» auf und schliesst mich an ein absolutes Hi-Tech-Gerät an. Diese Maschine merkt, wie ich atme, passt sich mir sukzessive an, bis wir zusammen ruhig, tief und regelmässig ein- und ausatmen. Dreimal bin ich in der Nacht aufgewacht und habe mir die Maske vom Gesicht gerissen. Was, nur dreimal, das ist doch super. Nach zwei bis drei Tagen schlief ich durch. Die Wirkung ist enorm, ein Wahnsinnsgefühl durchzuschlafen, während des Tages nicht mehr müde zu sein. Jeden Tag habe ich seither viel lebendiger erlebt. Diese Maschine benutze ich jede Nacht und nehme sie mit, wenn ich auswärts schlafe. Zum Gerät habe ich eine elegante Tasche erhalten und kann das Gerät mitnehmen.

Airshow

Toni ruft an und sagt, dass er am kommenden Samstag an die Airshow geht und mich gerne mitnehmen würde, ob das denn geht? Der Arzt meinte, wenn sie sich stark genug fühlen, dürfen sie gerne gehen. Den ganzen Tag gehen und stehen, das traue ich mir doch nicht zu. Einen Rollstuhl möchte man mir nicht mitgeben, entweder sei ich fit oder eben nicht. Toni findet das doof und organisierte einen Rollstuhl, bringt ihn mit, holt mich in der Klinik ab, fährt bei der Airshow direkt neben dem Haupteingang zum Parkplatz für handicapierte Personen und wir fahren davon. Nicht dass ich wünsche, im Rollstuhl den Rest meines Lebens zu verbringen, aber ich wurde zuvorkommend behandelt. Alle Menschen sind freundlich zu mir und der Kontakt zu den Menschen ist unkomplizierter. Als Rollstuhlfahrer stellt man offensichtlich keine Gefahr dar. Dank des Rollstuhles habe ich die Air Show ohne Überanstrengung geniessen können. Der Eurofighter und der Raffale werden mit Getöse und atemberaubenden Manövern vorgeführt. Den Grippen habe ich am Boden studiert. Eindrücklich, was sonst noch alles geboten wird, z. B. die zwei Frauen stehend auf zwei Breitling Maschinen im Looping. Muss speziell sein bei Regen? Ein spannender und interessanter Tag für ein Fliegerherz, merci Toni.

Diana

Täglich fünf bis sechs Therapien. Besuch ist nicht täglich zu erwarten. Beim Frühstück, am Mittag, während des Nachtessens und während des Tages trifft man sich, beginnt zu plaudern, erzählt Geschichten. Diana leidet an Multipler Sklerose und kommt alle zwei Jahre für zwei Wochen in die Klinik. Ab der zweiten Woche machen wir fast täglich unseren Spaziergang im Dorf zusammen. Diana ist gut zu Fuss, ich nicht, aber habe Lust zum Spazieren. Wenn ich eine Marschpause benötige, setzen wir uns in ein Restaurant. Eines Tages an einem schönen Sonntag lade ich sie ein, mit der Bahn auf einen Berg hinaufzufahren. Ich darf nur in Begleitung gehen, der Arzt hat Diana als Begleiterin genehmigt. Wir nehmen den Bus bis in die Nähe der Talstation der Luftseilbahn, spazieren den Rest bis zur Talstation und fahren mit der Luftseilbahn bis zur Bergstation. Die Fahrt gefällt Diana, sie ist noch nie auf einem Berg gewesen, erzählt sie. Oben angekommen, sind wir die einzigen Gäste ohne Bike. Wir verlaufen uns fast in der grossen Bergstation. Glücklicherweise ist das Restaurant offen, denn es ist schon kalt im September auf dieser Höhe, der Schnee wird bereits erwartet. Grossartiges gibt es im Restaurant nicht zu bestellen, eine warme Ovomaltine liegt aber drin. Auf einem Minispaziergang, für einen längeren Marsch ist das Gelände zu anspruchsvoll, geniessen wir die Aussicht. Zwei Berge vis à vis hatte ich vor Jahren schon einmal bestiegen und kann Diana «feiechlei öppis verzeue», sie ist überwältigt von der Aussicht. Sie hat noch oft von diesem Tag erzählt. Mit der Bahn fahren wir wieder hinunter und spazieren den Weg mit Zwischenhalten zurück in die Klinik. Es war einer der schönsten Tage.

Yuppie, ich kann nach Hause

Mir stinkt es, es sprechen alle Französisch, ich habe den Klinikkoller und will nach Hause. Auf der anderen Seite müsste ich noch bleiben, weil ich auf der rechten Seite teilweise gelähmt bin. Wenn die Krankenkasse nicht mehr bezahlt, bin ich gesund und muss nach Hause. Physiotherapie ist das Beste für mich, und sie wurde in meinem Programm gestrichen. Ich wünsche mir mehr davon und bekomme sie nicht. Beim Arztbesuch, zwei Tage vor dem Austritt, merkte der Arzt, dass ich rechts noch gelähmt bin und ordnete umgehend Physiotherapie an. «Isch scho gschpässig wi die hie tigge!» Für die angeordnete Therapie reicht es nicht mehr, weil ich am nächsten Tag nach Hause geschickt werde.

Ich bin froh, dass die Medizin so weit ist, wie sie ist, und würde mich trotzdem zu Kritik hinreissen lassen: Meine Physiotherapie Wünsche waren offensichtlich richtig, reagiert darauf hat NIEMAND, obwohl ich darauf hinwies. Auf der Station spricht das Pflegepersonal nur französisch und Medizin-französisch spreche ich nicht. Mit «J'ai réservé une chambre avec salle de bains» oder ähnlichen Sätzen kommt man nicht zum Ziel. Andere Therapeutinnen sprechen zwar deutsch, aber erklärten sich als nicht zuständig. Das ging so lange, bis ich einmal davonlief. Von da an konnte plötzlich eine Pflegeperson deutsch und ich erhielt Antwort, wenn ich etwas fragte. «Gschpässig» war auch, dass in der Nacht etwa sechs Pflegepersonen auf der Station waren, die sich im TV-Raum, mit den Stühlen und den Kissen von den Patientenliegen vom Balkon, Betten bauten und schliefen, oder in den Fernseher schauten und Pommes-Chips knabberten. Nicht dass ich ihnen das nicht gönnen würde, komisch war es trotzdem. Im früheren Spital war eine einzige Pflegefachfrau während der Nacht auf der Station. Die Höhenklinik ist wahrscheinlich eine Privatklinik und das erste Spital nicht, keine Ahnung. Das war nicht vorgesehen. Ich bin bei der Krankenkasse halbprivat versichert. Für den Aufenthalt in Höhenklinik bezahlte die Versicherung aus Kostengründen nur die allgemeine Abteilung.

Der Arzt will mich noch behalten und ordnet den Austritt an. «Chume nid nache.» Ich bezahle meine Ausgaben und 50.- Fr. für den Bus nach Hause, räume das Zimmer, verabschiede mich bei meinen Zimmer- und Tischnachbarn und warte vor der Klinik auf den Bus. Nach mehreren Wochen schlafe wieder in meinem eigenen Bett. Schönes Gefühl.

Eine Woche zu Hause versuchte ich, weil es vor meinem Hirnschlag so abgemacht war, ein Programm bei einem Kunden einzurichten und wollte Mitarbeiter ausbilden. Das hätte ich nicht versuchen sollen, es ging nicht. Die Idee zu haben, jetzt wieder gesund zu sein, musste ich abschreiben. Der Druck auf dem Dampfkessel war zu tief. Ich wurde rasch müde und hatte oft fast keine Kraft. Den nächsten Monat blieb ich zu Hause, absolvierte ambulant Physiotherapie und Ergotherapie und versuchte, als Feinmotorik Übung an meiner Eisenbahnanlage zu basteln. Anschliessend suchte ich während Wochen den alten Trott wieder und fand ihn nicht. Was jetzt abzulaufen begann, war unvorstellbar brutal. Die Wirtschaft oder Gesellschaft akzeptieren einen angeschlagenen Menschen nicht. Was man nicht sieht, ist nicht vorhanden und einen Hirnschlag sieht man nicht, weil der Kopf nicht eingebunden wird. Wenn man erklärt, dass man einen Hirnschlag gehabt hat, dann gibt es zwei Reaktionen. Wenn einer das selbst gehabt hat, ist es einfach, man redet vom Gleichen. Wenn nicht, kann Folgendes passieren …

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