Hirnverletzung und mein anderer Weg
Notfallaufnahme
Wie in einem Bienenhaus scheint jeder Handgriff schon mehrmals gemacht worden zu sein. Viele Ärzte und Ärztinnen machen etwas, Puls, Blutdruck, Sauerstoffgehalt im Blut, Reflexe, reden, Fragen stellen, untersuchen, Medikamente, MRI geht nicht wegen Klaustrophobie (Platzangst). Mit einem MRI würde die Ärztin besser sehen, wo die Verstopfung in meinem Hirn ist. Mein Angstgefühl ist stärker, leider keine Chance, jetzt das alte System Computertomografie mehrmals ohne und mit Kontrastmittel, mit Wärmeschub im Kühlraum. «Wir sehen nichts», sagt die Ärztin verzweifelt, nochmals CT, Infusion und mein Bein tut wahnsinnig weh. Franzbranntwein müsste passen. Bilder studieren, fragen, nochmals CT, Medikamente, stabil, etwa zwei Stunden warten, etwa um 1 Uhr auf die allgemeine Station neben der Neurologie.
Am Morgen war die rechte Seite vollständig gelähmt, die Finger an der rechten Hand konnte ich nicht mehr bewegen, den Arm und das Bein konnte ich nicht mehr heben. Ich sah doppelt und konnte kaum mehr reden. Wieder ein komisches Gefühl im Kopf, sofort ein CT, nichts zu erkennen, Entwarnung. Liegen 0 Grad, d. h. horizontal. Essen liegend von der Seite, mundgerechte Stücke mit der linken Hand – die geht noch – in den Mund schieben, trinken mit der Schnabeltasse, Pinkeln im Bett in die Flasche, Stuhlgang ohne Hilfe keine Chance. Nicht mehr selbstständig zu sein ist unwahrscheinlich gewöhnungsbedürftig, geht aber dank der Hilfe durch das Pflegepersonal dann schon. Zigaretten vergessen. Telefon vom Büro, wann kommst du wieder, der Arzt meint nächsten Dienstag, das ist leider eine Fehlanzeige. Es hat mich offensichtlich schlimmer erwischt als angenommen. Nicht nur eine Streifung, bei der die Lähmungen nach etwa 24 Stunden wieder verschwinden. Die Ärzte wollten unbedingt ein MRI machen, aber das ging leider nicht, weil ich mich in der Röhre aus Angst nicht ruhig halten kann. Von Tag zu Tag darf ich weiter aufsitzen. 30°, dann 45° und dann 60°, wobei im Spital die Winkel nicht so sind, wie ich in der Schule gelernt habe.
Die Betreuung ist ausgezeichnet. Die Art und Weise, wie sie heute im Spital behandelt werden, hat enorm geändert und wirkt freundlich und kompetent, fast wie im Hotel. Nach drei Tagen fragt mich der Arzt, ob ich mit Rauchen aufhören will. Gerne, aber selbst kann ich das nicht, sie müssen mir helfen. Wir starten mit 21 mg Nicotinell Pflaster. Der Drang nach Zigaretten lässt stark nach. Nikotin so aufnehmen ist besser, weil Teer und Feinstaub wegfallen. Mindestens drei Monate soll ich das machen und erst aufhören, wenn ich keine Lust mehr auf Zigaretten habe. Seit diesem Tag habe ich nie mehr geraucht und habe seit dem ein halbes Kilogramm Teer nicht in der Lunge und etwa 25‘000.- Franken gespart und etwa 70‘000 Zigaretten nicht geraucht. Ich denke noch stellenweise ans Rauchen und muss schauen, dass keine Zigarette in Griffnähe ist, damit ich genügend Zeit habe zu merken, dass ich nicht mehr rauche. Ich fühle mich bezüglich Atmung viel besser und bin froh, nicht mehr Zigaretten beschaffen zu müssen. Die Zeremonie des Rauchens fehlt mir. Ich bin kein Nichtraucher, sondern ein Raucher, der nicht mehr raucht.
In der Physiotherapie lerne ich gehen, bei der Gabel wird der Griff auf eine Dicke von etwa 3 cm mit Verbandstoff eingewickelt, damit ich die Gabel halten kann. Die Kraft in der Hand und den Fingern reicht dazu bis jetzt nicht. Nach einiger Zeit kann ich mit Unterstützung langsam Treppen steigen. Eine Messung des Schlafverhaltens ergibt, dass ich zusätzlich an einem schweren Schlafapnoe-Syndrom leide und eine pneumatische Schiene benötige. Der Sauerstoffgehalt sinkt während der Atmungspausen in der Nacht stark ab. Das wird vom Arzt als wesentliche Ursache für meinen Hirnschlag angesehen. Mein Blut ist dickflüssig (Hämatokrit 55), enthält viele rote Blutkörperchen, was auf eine permanente Sauerstoffunterversorgung schliessen könnte. Je weniger Sauerstoff, desto mehr rote Blutkörperchen, wie in grosser Höhe. Der Sauerstoffgehalt kann auch durch das Rauchen gesunken sein, weil die Lunge ein Problem bekommen hat. Die Lungenleistung ist stark reduziert. Viele rote Blutkörperchen machen das Blut dickflüssiger, das erfordert mehr Druck, damit das Blut richtig fliesst. Mein Blutdruck war 230/190. Der Blutdruck wurde medikamentös zuerst auf etwa 180/140 gesenkt, damit das Hirn vorläufig noch besser versorgt wird. Heute habe ich einen Blutdruck von 150/90. Nach etwa 10 Tagen Spital fahre ich mit dem Bus zur weiteren Rehabilitation in die Höhenklinik, um dort ein intensives Therapie-Programm zu absolvieren. In der Höhenklinik soll ich auch die pneumatische Schiene erhalten.
